AuDHS ist kein offizieller Diagnosebegriff, sondern ein Kofferwort aus Autismus und ADHS, das sich in den letzten Jahren in der Community verbreitet hat. Gemeint ist das gleichzeitige Vorliegen einer Autismus-Spektrum-Störung und einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung bei derselben Person. Lange galt genau das in der Fachwelt als kaum vorstellbar.

Zwei Diagnosen, die sich dem Lehrbuch nach eigentlich widersprechen, treten in der Praxis auffallend oft gemeinsam auf.

Warum die Kombination lange als Widerspruch galt

Im diagnostischen System ICD-10 schlossen sich Autismus und ADHS gegenseitig aus. Wer als autistisch eingestuft wurde, konnte formal keine ADHS-Diagnose erhalten, selbst wenn die Symptome eindeutig vorlagen. Erst mit der Einführung des ICD-11 im Jahr 2022 wurde eine gemeinsame Diagnose möglich, im amerikanischen DSM-5 war dieser Schritt bereits 2013 vollzogen worden. Das erklärt, warum viele erwachsene AuDHS-Betroffene erst spät oder nie eine vollständige Diagnose erhalten haben, ihre Symptome wurden schlicht nicht in dieser Kombination gedacht.

Wie häufig kommt AuDHS vor?

Genaue Zahlen sind schwer zu benennen, weil Studien unterschiedliche Altersgruppen, Diagnosekriterien und Erhebungszeiträume verwenden. Eine Zusammenschau von 63 Studien kam auf rund vier von zehn autistischen Menschen, die zusätzlich die Kriterien für ADHS erfüllen, andere Untersuchungen nennen deutlich höhere Werte. In einer Studie mit über 90.000 Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung über verschiedene Altersgruppen hinweg war ADHS die häufigste zusätzlich festgestellte Diagnose überhaupt (Schöttle et al., Nervenheilkunde 2019). Die Bandbreite der Zahlen selbst ist dabei Teil der ehrlichen Antwort, seriöse Quellen sprechen bewusst von einer Spanne statt von einer einzelnen, exakt wirkenden Prozentzahl.

Eine gemeinsame biologische Wurzel

Ein Grund für die häufige Überschneidung liegt vermutlich in der Entstehung selbst. Genetische Studien zeigen, dass psychische und neuroentwicklungsbezogene Diagnosen sich nicht sauber in getrennte Schubladen einordnen lassen, sondern sich in überlappenden Gruppen bündeln. Eine große internationale Analyse genetischer Daten von mehreren Millionen Menschen ordnet ADHS und Autismus derselben neuroentwicklungsbezogenen Gruppe zu, was dafür spricht, dass gemeinsame genetische Faktoren eine Rolle spielen, nicht bloß eine zufällige Häufung.

Warum sich AuDHS oft widersprüchlich anfühlt

Wer beide Profile in sich trägt, beschreibt häufig ein Gefühl innerer Gegensätze. Die autistische Seite sucht Struktur, feste Abläufe und Vorhersehbarkeit, um sich sicher zu fühlen. Die ADHS-Seite sucht Reiz, Abwechslung und Neuheit und wird von genau dieser Struktur schnell unruhig. Das kann sich im Alltag so zeigen: ein fein durchdachter Wochenplan, der Sicherheit geben soll, an den sich die impulsive, reizsuchende Seite dann kaum hält. Oder ein starkes Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe, das im nächsten Moment von einem ebenso starken Bedürfnis nach neuen Eindrücken abgelöst wird.

Aktuellere Forschung versteht AuDHS zunehmend nicht als einfache Addition zweier getrennter Profile, sondern als eigenständige Art der Informationsverarbeitung, in der unterschiedliche neurokognitive Tendenzen gleichzeitig wirksam sind. Das erklärt, warum sich AuDHS-Betroffene oft in keiner der beiden Einzeldiagnosen vollständig wiederfinden.

Das Schwierige an AuDHS ist deshalb oft nicht ADHS oder Autismus für sich, sondern dass beide ständig unterschiedliche Bedürfnisse haben. Dadurch ist man permanent auf der Suche nach der goldenen Mitte, selbst bei den kleinsten Dingen im Alltag. Für einen Einkauf reicht es zum Beispiel nicht, nur genug Energie zu haben, der Supermarkt darf auch nicht zu laut sein, der Ablauf sollte möglichst vorhersehbar sein und gleichzeitig darf es sich nicht zu langweilig anfühlen. Ähnlich ist es beim Arbeiten, die Aufgabe muss interessant genug sein, gleichzeitig aber klar genug strukturiert und die Umgebung ruhig genug. Diese Voraussetzungen verändern sich im Laufe des Tages ständig. Deshalb geht es bei AuDHS oft nicht darum, die richtige Lösung zu finden, sondern die passende Balance für jeden Moment.

Erhöhtes Risiko für Fehldiagnosen

Autistische Kinder und vor allem Mädchen lernen häufig früh, auffällige Züge sozial zu verbergen, ein Verhalten, das als Masking bekannt ist. Wenn zusätzlich ADHS vorliegt, wird das Bild noch unübersichtlicher. Viele Menschen mit dieser Kombination erhalten stattdessen zunächst andere Diagnosen wie Depression, Angststörung oder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, weil die eigentliche Ursache der Erschöpfung und der inneren Spannung nicht erkannt wird. Eine sorgfältige Abklärung durch Fachpersonen bleibt deshalb wichtig, gerade weil sich beide Profile gegenseitig verdecken können.

Stärken, die oft übersehen werden

  • Kreative Problemlösung. Die Kombination aus autistischer Detailgenauigkeit und ADHS-typischem Querdenken führt oft zu ungewöhnlichen, funktionierenden Lösungen.
  • Intensive Begeisterungsfähigkeit. Wenn ein Thema beide Seiten anspricht, entsteht oft ein außergewöhnlich tiefes und ausdauerndes Interesse.
  • Feines Gespür für Unstimmigkeiten. Viele AuDHS-Betroffene bemerken Widersprüche, Ungerechtigkeiten oder Fehler, die anderen entgehen.

AuDHS ist keine Modeerscheinung, auch wenn der Begriff selbst erst seit kurzem gebräuchlich ist.

AuDHS ist keine Ausrede für fehlende Disziplin, sondern der Versuch, mit zwei gegensätzlichen inneren Bedürfnissen gleichzeitig zurechtzukommen.

AuDHS ist keine bloße Selbstetikettierung ohne Substanz, die genetische und klinische Forschung zur Überschneidung wächst.

AuDHS ist aber auch kein Ersatz für fachliche Diagnostik, wenn diese im Einzelfall gebraucht wird.

Was im Alltag hilft

Weil sich die beiden Seiten oft widersprechen, hilft selten eine Strategie allein. Wichtig ist ein Verständnis, das beide Bedürfnisse ernst nimmt, statt eines gegen das andere auszuspielen. Struktur, die trotzdem Raum für spontane Änderungen lässt. Reizreduktion, die trotzdem Platz für gezielt gesuchte Anregung bietet. Genau hier setzt Alltagstraining an, nicht um eine der beiden Seiten zu unterdrücken, sondern um eine Ordnung zu finden, in der beide nebeneinander bestehen können.

Kurz zusammengefasst

AuDHS beschreibt das gleichzeitige Vorliegen von Autismus und ADHS, eine Kombination, die lange als diagnostischer Widerspruch behandelt wurde und heute als eigenständiges, biologisch plausibles Profil verstanden wird. Sie zeigt sich oft in innerem Spannungsverhältnis zwischen dem Bedürfnis nach Struktur und dem Bedürfnis nach Reiz. Wer das versteht, sieht nicht nur zwei sich widersprechende Diagnosen, sondern eine eigene, in sich stimmige Art, die Welt zu verarbeiten.